Die Nacht war tintenschwarz, so dicht, als ließe sie sich nicht auflösen wie geronnenes Blut.
Jiang Han stand mitten auf einer leeren, menschenleeren Straße. Das trübe Licht der Straßenlaterne warf ein verzerrtes Schattenbild auf den Boden. Der kalte Wind trieb einige welke Blätter vor sich her, die aneinander rieben und in dieser toten Stille besonders scharf klangen.
Er hob die Hand und betrachtete die schwarze Silhouette in seiner Handfläche, die bei jeder Bewegung hin und her schwang. In seinen Augen lag ein Hauch ungläubiger Verwirrung.
Noch vor wenigen Minuten hatte er sich in seiner vertrauten Welt Erde befunden, und nun hing in der Luft ein widerlicher Verwesungsgeruch – der Duft von etwas Uraltem und Bösem.
„Wo bin ich …"
Jiang Han sprach leise vor sich hin, seine Stimme hallte über die leere Straße, doch es gab keine Antwort.
Plötzlich schoss ein eisig kalter Schauer ohne Vorwarnung vom Rücken bis zum Scheitel hinauf. Das war keine gewöhnliche Kälte, sondern ein Zittern, als würde selbst das Knochenmark einfrieren. Instinktiv wollte er sich umdrehen, doch sein Körper war steif wie rostige Mechanik.
Genau hinter ihm löste sich eine verschwommene dunkle Gestalt langsam aus dem Schatten der Mauerecke.
Das Ding hatte keine feste Form – es ähnelte einem zusammengeknüllten Klumpen Schlamm oder einer schmerzverzerrten menschlichen Haut. Es besaß kein Gesicht, nur einen bodenlosen Riss, aus dem ein schrilles Wimmern drang, das an das Weinen eines Neugeborenen erinnerte.
Ein Rachegeist.
In Jiang Hans Kopf tauchte dieses absurde Wort auf, doch das vor ihm liegende Bild zwang ihn zum Glauben. In dieser zerbrochenen Welt schien der gesunde Menschenverstand das Unnützeste von allem zu sein.
Die dunkle Masse kroch vorwärts und näherte sich Jiang Han. Wo sie sich bewegte, schien das gesamte Licht verschlungen zu werden. Die Straßenlaterne summte, und die Glühbirne zerbarst auf der Stelle.
Dunkelheit kam.
Jiang Hans Herz schlug wild, und die Furcht vor dem Tod überflutete ihn wie eine Flutwelle. Doch just in dem Moment, als der Rachegeist seinen Nacken berühren wollte, geschah das Ungewöhnliche.
Sein Schatten am Boden wurde lebendig.
Die schwarze Silhouette, die eben noch allein durch den Lichteinfall entstanden war, entfaltete sich plötzlich wie ein gieriges Maul, wölbte sich nach oben und erstreckte sich entgegen aller Vernunft auf jene Geistgestalt zu.
Kein heftiger Aufprall, kein welterschütterndes Getöse.
Der furchterregende Rachegeist schmolz in dem Moment, als er Jiang Hans Schatten berührte, lautlos dahin wie Schnee in kochendem Wasser. Das jammervolle Wimmern verstummte abrupt, und an seine Stelle trat ein zufriedenes, aus der Tiefe des Abgrunds kommendes Raunen.
Schlürf.
Jiang Han spürte überdeutlich, wie ein kühler, aber kraftvoller Luftstrom vom Fußboden direkt zum Scheitel hinaufschoss. Das Gefühl war nicht schmerzhaft, sondern trug eine unheimliche Lust in sich, als würde ein fehlendes Stück in seinem Körper augenblicklich aufgefüllt.
Die Straßenlaterne ging wieder an, wenn auch nach wie vor trübe.
Die Straße kehrte in ihre Totenstarre zurück, als hätte es das alles eben nur gegeben.
Jiang Han rang keuchend nach Luft, der Schweiß durchtränkte sein Hemd. Voller Entsetzen starrte er auf den Boden – der Schatten schien nun tiefer und dunkler zu sein als zuvor, wie ein bodenloser dunkler Teich.
Und in der Tiefe des Schattens war undeutlich ein leidendes menschliches Gesicht zu erkennen, das kämpfte und dann gänzlich versank.
„Es … wurde gefressen?"
Zitternd streckte Jiang Han die Hand aus, wollte den Boden berühren, doch sie verharrte in der Luft.
Ihm wurde klar, dass diese Welt weit wahnsinniger war, als er sich je vorgestellt hatte. Und er selbst schien auch nicht mehr dieser gewöhnliche Mensch zu sein.
In dieser fremden Welt, in der Geister nachts umherwandern und Regeln zerbrechen, war etwas in seinem Inneren dabei, zu erwachen.