Nach dem Abendessen breitete sich die Dunkelheit wie dicke Tusche über die gesamte Stadt aus und umhüllte sie lautlos. Doch das bedeutete nicht, dass die Stadt daraufhin verstummte. Ganz im Gegenteil — sie erstrahlte Zoll für Zoll in einer anderen Gestalt. Das sanfte Leuchten der Straßenlaternen, die Bänder der vorbeifließenden Fahrzeuge, die Neonlichter der Einkaufsviertel, das warme Gelb der Wohnungen, das Flackern der Stände am Straßenrand… Diese Lichter griffen nicht ineinander ein, doch zugleich verflochten sie sich miteinander, verschmolzen und kollidierten in der Nacht und zeichneten die Konturen der Stadt erneut klar und deutlich nach. Dieser Anblick hatte für Chen Yuanchu und Xuanmo, die lange in den Bergen gelebt hatten, noch immer etwas Frisches. Der Mensch und die Katze gingen auf das Dach des Hochhauses und blickten von dort oben auf das geschäftige Nachtpanorama der Stadt herab. Der den ganzen Tag lang von der Sonne aufgeheizte Boden strahlte noch etwas Restwärme ab, doch zum Glück wehte ein angenehmes Nachtbrüppchen, das die aufsteigende Hitze sogleich vertrieb.
Durch das leise Trittgeräusch auf der Treppe aufmerksam geworden, öffnete sich oben die eiserne Tür. Chen Yuanchu und die Katze drehten sich um und sahen Su Wanyin, die heraufgekommen war, um die Bettwäsche abzuholen. „Die Bettwäsche gehört Schwester Wanyin?", fragte Chen Yuanchu lächelnd, während er zusah, wie Su Wanyin die Wäsche von der Leine nahm. „Ja, genau. Das Dach hier ist so eine Art Gemeinschaftsbereich. Mein eigener Balkon ist zu klein zum Aufhängen, also hab ich sie hier raufgebracht." Su Wanyin schmiegte die durchgetrocknete Bettwäsche an sich und atmete tief ein. Der trockene Duft vermischte sich mit dem Aroma von Waschmittel und dem Geruch der Sonne — das mochte sie am liebsten. Dann hob sie den Blick und sah Chen Yuanchu an der Brüstung stehen sowie die schwarze Katze, die auf der Mauer kauerte, und fragte neugierig: „Was macht ihr beiden hier oben?" „Nichts Besonderes, wir schauen einfach." „Die Aussicht hier dürfte doch ganz anders sein als das, was du in den Bergen gesehen hast, oder?" „Ja, sehr anders." „Na gut, dann geh ich mal duschen. Willst du zuerst?" „Schwester Wanyin zuerst. Ich muss später nochmal runter, ein paar Sachen kaufen und nebenbei zum Friseur." „Alles klar, dann geh ich vor." Chen Yuanchu klopfte der Katze sanft auf den Hintern, woraufhin Xuanmo behände von der Brüstung sprang, zu Su Wanyins Füßen lief und mit ihr zusammen zurück ins Haus ging.
Su Wanyin war zutiefst erstaunt — das war das erste Mal, dass sie eine so intelligente Katze sah. Sie fürchtete sich nicht vor unbekannter Umgebung, benutzte sogar eigenständig das Katzenklo, lief wie ein Hund mit und schien mit ihren bernsteinfarbenen, lebhaften Augen sogar menschliche Sprache zu verstehen! Doch die hochnäsige Katze war nicht so zugänglich wie Chen Yuanchu. Sooft Su Wanyin auch die Hand ausstreckte, um sie zu streicheln — die Katze wich ihr stets mit einer geschickten Bewegung aus.
Während Su Wanyin noch die Treppe hinunterging, war Xuanmo bereits nach vorne gesprintet und setzte sich ergeben vor die Tür von Nr. 901, um auf sie zu warten. „Mia." „Ja ja, die Schwester macht dir auf, macht dir auf…" Als Su Wanyin die Tür öffnete, schlenderte Xuanmo hinein, sprang auf das Sofa, ging in eine Ecke und machte es sich dort gemütlich. Fragt man Xuanmo, was sie an der Stadt am meisten mochte — es wäre wohl dieses Sofa. So weich und bequem!
…
Die Stockwerke des Wohnviertels waren nicht besonders hoch, bei weitem nicht hoch genug, um die ganze Stadt zu überblicken. Vom Dach zurück auf den Boden, wurde diese optische Begrenzung noch deutlicher. Der Blick wurde von dem Gewirr aus Straßen und den hoch aufragenden Gebäuden versperrt, sodass jeder gewöhnliche Mensch, der in dieser Stadt lebte, gezwungen war, sich aufs Hier und Jetzt zu konzentrieren. Nicht ohne Grund — denn das Hier und Jetzt ist das Leben.
Als Chen Yuanchu noch auf dem Berg lebte, machte er sich selten etwas aus materiellem Besitz. Nicht weil es ihm an nichts mangelte, sondern weil man in unterschiedlichen Umgebungen eben unterschiedliche Gesinnungen entwickelt. Nun, da er vom Berg herab in die Welt trat, musste selbst dieser kleine Daoistenpriester anfangen, sich über alltägliche Dinge wie Essen, Kleidung und Gebrauchsgegenstände Gedanken zu machen.
Chen Yuanchu betrat einen Friseursalon in der Nähe des Eingangs des Wohnviertels und wollte sich zunächst die Haare schneiden lassen. Als er die Glastür aufstieß, schlug ihm die kühle Luft entgegen. Gerade in der Zeit nach Schulbeginn waren viele Kunden im Salon. Kaum hatte Chen Yuanchu in seiner Daoistenrobe die Tür aufgestoßen, drehten sich sowohl die wartenden Kunden als auch die beschäftigten Friseure zu ihm um. „Ehrenwerter Daoistenpriester, Sie möchten…?" „Die Haare schneiden lassen." „Aha! Bei viel Betrieb muss es vielleicht etwas warten. Kommen Sie erst mal hierher zum Haarewaschen?" „Einverstanden." Die Preisliste war an der Glastür angeschlagen: Nur Haareschneiden 25 Yuan, Waschen und Schneiden 40 Yuan. Chen Yuanchu hatte ursprünglich nur schneiden lassen wollen, doch dann dachte er, es könnte auch interessant sein, das Haarewaschen einmal auszuprobieren. Immerhin hatte er in all den Jahren nur als kleines Kind vom Meister die Haare gewaschen bekommen — und das war eine schmerzhafte Erinnerung. Die vom Meister mit Schwielen bedeckten Hände schienen ihm die Kopfhaut herunterschrubben zu wollen, bis er vor Schmerz mit den Zähnen knirschte.
Anders als die gängigen Frisuren moderner Menschen trug Chen Yuanchu den klassischen Daoisten-Haarknoten. Als die Waschassistentin seinen Haarknoten löste, fiel das lange Haar des jungen Mannes wie ein Wasserfall herab — es reichte bis zu den Schultern. Chen Yuanchu legte Wert auf Sauberkeit und achtete stets auf sein Äußeres. Das lange Haar war natürlich nicht schmutzig; außer beim Schlafen trug er es stets in einem Haarknoten zusammengebunden. „Ihre Haarqualität ist wirklich hervorragend…" Moderne Menschen sahen selten noch eine so gute Haarqualität wie die von Chen Yuanchu. Die Waschassistentin konnte sich ein Kompliment nicht verkneifen.
Die Assistentin holte ein trockenes Handtuch und legte es sanft in Chen Yuanchus Kragen, damit beim Haarewaschen kein Wasser auf die Kleidung kam. Dann wies sie ihn an, sich auf den Liegestuhl zu setzen. „Bitte setzen Sie sich hier… Hmm… Da Sie so groß sind, müssen Sie vielleicht noch ein Stückchen tiefer rutschen… So, bitte probieren Sie, sich hinzulegen." Chen Yuanchu hatte noch nie außerhalb des Hauses die Haare waschen oder schneiden lassen und wirkte dementsprechend unbeholfen. Doch die Waschassistentin war erfahren und nahm ihm seine Unbeholfenheit nicht übel — schließlich war es auch ihr erstes Mal, einem Daoistenpriester die Haare zu waschen!
Der Liegestuhl war wunderbar weich, und die Position von Kopf und Nacken passte genau über das Waschbecken. Chen Yuanchu seufzte tief, schloss unwillkürlich die Augen und lauschte dem Rauschen der Brause. Das Wasser floss sanft auf seine Kopfhaut herab, begleitet von dem sanften Kämmen durch die zarten Hände der Assistentin