Das Türschloss von B-307 gab ein scharfes Klicken von sich, das im leeren Flur besonders grell erklang.
Lin Xiao stieß die Tür auf und ging als Erste hinein. Wang Ruofei folgte ihr dicht auf den Fersen und schlug die Tür mit einer rückwärtigen Bewegung fest hinter sich zu, als wolle sie eine unsichtbare Bedrohung aussperren.
Es war ein standardmäßiges Doppelzimmer, der Raum war beengt, zwei Einzelbetten nahmen den größten Teil ein. In der Luft lag ein muffiger Geruch, als sei der Raum lange nicht gelüftet worden, vermischt mit einem leichten Geruch nach Desinfektionsmittel, der ein unbestimmtes Druckgefühl in der Brust verursachte.
»Endlich da.« Wang Ruofei warf ihren Rucksack aufs Bett, atmete tief aus und ließ sich erschöpft nieder. »Der Ort sieht ziemlich neu aus, aber irgendwie wirkt er unheimlich.«
Lin Xiao antwortete nicht sofort. Sie ging zum Fenster und stieß es auf.
Der Wind von draußen drang herein, doch er nahm die bedrückende Atmosphäre im Raum nicht mit sich fort. Das Gelände von Nesda war inzwischen vollständig von der Dunkelheit verschluckt. In der Ferne gab es keine Straßenlaternen, nur schwarze Baumschatten, die im Wind schwankten wie eine Gruppe stumm dastehender Riesen.
»Vorhin im Erdgeschoss – ist dir dieser Aushang aufgefallen?« Lin Xiao drehte sich plötzlich um, ihr Blick ruhte auf Wang Ruofei.
»Aushang? Du meinst den vor dem Hausmeisterbüro?« Wang Ruofei zögerte kurz und dachte nach. »Ja, hab ich gesehen. Da stand, wir sollen unsere Karte ziehen und den Zimmerschlüssel abholen. Warum fragst du?«
»Mit diesem Papier stimmt etwas nicht.« Lin Xiao ging zum Tisch und tippte unbewusst mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. »Es war nicht ein einzelnes Blatt, sondern viele, die übereinandergeklebt waren.«
Wang Ruofei runzelte die Stirn. »Viele Blätter? Du meinst, es waren mehrere Schichten aufgeklebt?«
»Mhm.« Lin Xiao nickte. »Auf der obersten Schicht stand eine Einweisung für neue Mitarbeiter. Aber ich habe sie etwas abgelöst und darunter waren nur Bekanntmachungen mit roter Schrift.«
»Was stand da?«
»Über Umbelegungen der Unterkünfte.« Lin Xiaos Stimme wurde sehr leise. »Die erste Schicht betraf die Änderung von Vierbettzimmern zu Zweibettzimmern, darunter stand etwas von Sechsbettzimmern, die zu Vierbettzimmern umgewandelt wurden. Und die Papiere waren alle gleich alt, als wären sie alle zur gleichen Zeit aufgeklebt worden.«
Wang Ruofei bekam eine Gänsehaut und umarmte sich instinktiv. »Du meinst... innerhalb kurzer Zeit wurde die Belegungsdichte hier mehrfach geändert? Das würde doch bedeuten...«
»...dass innerhalb kurzer Zeit Menschen verschwunden sind oder immer wieder neue hereingebracht wurden.« Lin Xiao beendete ihren Satz, ihr Ton war so ruhig, dass er fast gleichgültig wirkte. »Und als ich das Papier abgerissen habe, fühlte es sich seltsam an. Nicht wie Papier, eher wie die Haut eines Lebewesens.«
»Hör auf damit.« Wang Ruofei schauderte, offensichtlich wollte sie nicht weiter auf dieses Thema eingehen. »Wir sind jetzt hier, also machen wir das Beste daraus. Lass uns erst mal schlafen.«
Lin Xiao sagte nichts mehr und ging ins Badezimmer.
Sie drehte den Wasserhahn auf, eiskaltes Wasser rann über ihre Hände. Das Gesicht im Spiegel war kreidebleich, ohne eine Spur von Farbe, unter den Augen lagen dunkle Schatten. Seit sie dieses Gelände betreten hatte, fühlte sie, wie die Spannung in ihrem Kopf immer stärker wurde, als würde eine Saite jeden Moment reißen.
Sie schloss den Wasserhahn und starrte ihr Spiegelbild an.
Die Augen im Spiegel waren kalt und distanziert, als würden sie einen Fremden mustern.
Lin Xiao holte tief Luft und zwang sich zur Ruhe.
In diesem Moment drang ein dumpfer, lauter Schlag von draußen herein.
»Bumm!«
Der Klang klang nicht wie ein schwerer Gegenstand, der aufschlägt, sondern eher wie ein mit Flüssigkeit gefüllter Fleischklumpen, der heftig auf den harten Zementboden geschmettert wurde.
Wang Ruofei stieß einen Schrei aus und sprang vom Bett auf.
Lin Xiao stürzte zum Fenster und beugte sich hinaus.
Das Licht aus der Halle im Erdgeschoss beleuchtete zufällig einen kleinen Bereich vor dem Gebäude. In diesem bleichen Licht lag ein verdrehter Körper still in einer Lache aus Blut.
Die scharlachrote Flüssigkeit rann langsam durch die Risse im Zementboden, die Augen des Leichnams waren weit aufgerissen und starrten geradeaus in den Himmel, als würden sie lautlos Anklage erheben.
Lin Xiao kannte diese Person.
Vor einer halben Stunde, auf dem Weg zu B-307, waren sie an Zimmer B-302 vorbeigekommen. Die Tür hatte offen gestanden. Zwei junge Frauen saßen auf den Betten und unterhielten sich, eine von ihnen war die Besitzerin dieses Leichnams. In diesem Moment hatten sich ihre Blicke kurz getroffen, der Blick der anderen war verschwommen gewesen, als wäre sie noch nicht aus einem tiefen Schlaf vollständig erwacht.
Jetzt war sie zu einem Fleischklumpen unten vor dem Gebäude geworden.
»Das ist... die Frau von vorhin?« Wang Ruofeis Stimme zitterte stark, sie presste sich die Hand vor den Mund.
Unmittelbar darauf erklangen im Flur aufeinanderfolgende Geräusche von zugeschlagenen Fenstern. Andere Bewohner, die durch den Lärm aufmerksam geworden waren, hatten ebenfalls diesen Anblick gesehen und reagierten instinktiv.
Als könnte man das blutige Unglück durch das Schließen des Fensters vollständig aussperren.
Auch Lin Xiao streckte die Hand aus und schloss das Fenster von B-307.
Die Geräusche von draußen waren abgeschnitten, im Zimmer herrschte tote Stille.
»Wir müssen hinuntergehen und nachsehen.« Lin Xiao sagte es plötzlich.
»Was?« Wang Ruofei riss die Augen auf. »Bist du verrückt? Wenn...«
»Nur ein kurzer Blick.« Lin Xiao unterbrach sie. »Wenn wir es nicht überprüfen, kannst du heute Nacht überhaupt schlafen?«
Wang Ruofei biss die Zähne zusammen, offensichtlich erkannte sie, dass Lin