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Old Building in the Acid Rain · Kapitel 11 — Kapitel 11 – Die unheimliche Begrünung

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Kapitel 11

Kapitel 11 – Die unheimliche Begrünung

Die Luft im Reisebus wurde dünn und kühl. Während die Passagiere einer nach dem anderen aufstanden und ausstiegen, leerte sich der einst überfüllte Raum rasch, wie ein Aquarium, aus dem man das Wasser abgelassen hat – nur die feuchten, kalten Innenwände blieben zurück.

Lin Xiao stand von ihrem Sitz auf und hielt die weißlich-grüne Karte in der Hand. Das Material fühlte sich merkwürdig an – federleicht und so fragil, dass es bei leichtem Druck zu zerbrechen drohte.

„Diese Karten sind aber auch schlecht gemacht", beschwerte sich Wang Ruofei neben ihr, während sie ihre eigene Karte vorsichtig einsteckte. „Ich habe Angst, dass ich sie mit einem zu festen Griff zerbreche."

Obwohl niemand lautem Sprechen verboten hatte, senkten beide unwillkürlich ihre Stimmen. Ringsumher war nur noch das leise Rascheln von Kleidung und das Geräusch von Schritten zu hören, wie aufgewirbelter Staub auf einer Straße, der bald in der drückenden Luft verwehte.

Lin Xiao zog Wang Ruofei am Ärmel und bedeutete ihr, schnell auszusteigen.

Kaum hatte sie den Bustürbereich verlassen, schlug ihnen ein intensiver, klarer Geruch nach feuchter Erde entgegen, der sich rücksichtslos in ihre Nasen und Lungen drängte. Wang Ruofei runzelte unwillkürlich die Nase und wedelte mit der Hand vor der Nasenspitze.

Wo das Auge auch hinsah – überall waren Bäume.

Die Stämme waren dick und kräftig, die Äste dicht belaubt und ineinander verflochten wie zahllose, widerstandsfähige Spinnennetze, die den Himmel und die Sicht vollständig verdeckten. Für die nach der Katastrophe geborene neue Generation bedeutete eine derart überwucherte Naturlandschaft für gewöhnlich Gefahr.

Die Wege des Geländes lagen tief im Schatten des dunklen Grüns verborgen. Nur an den Abzweigungen standen einige Wegweiser, die notdürftig die Ordnung eines künstlichen Bereichs aufrechterhielten.

Ein derartiger Begrünungsgrad war im Außenbezirk äußerst selten. Die Katastrophe hatte die oberirdische Ökologie zerstört, die überlebenden Pflanzenarten waren drastisch zurückgegangen und neigten stark zu Missbildungen. Obwohl Lin Xiao die Stadt nie verlassen hatte, hatte sie im internen Schulnetz Fotos von außerhalb der Stadtmauern gesehen – die Pflanzen dort waren meist wild und unberechenbar, mit einer wildwüchsigen, ungezügelten Art.

Im Vergleich dazu waren die Pflanzen in der Stadt zwar spärlich, hatten aber zumindest noch eine normale Form. Je weiter man sich von menschlichen Siedlungen entfernte, desto häufiger stieß man auf diese verdrehten, seltsamen Unkräuter und Bäume, die sich nur schwer beseitigen ließen.

Wie zum Beispiel in den Vororten.

Die Begrünung im Nasida-Park hatte offenbar einen gewissen Schwellenwert überschritten – so üppig, dass sie bedrückend wirkte, kaum noch als schön zu bezeichnen.

Lin Xiao und Wang Ruofei gingen Schulter an Schulter den Baumgang entlang, ohne ein Wort zu sagen.

Irgendwann regte sich in Lin Xiaos Innerem ein vages Gefühl der Unstimmigkeit. Es war schwach, aber hartnäckig, wie ein winziger Splitter, der sich ins Fleisch gebohrt hatte – immer dann, wenn sie es zu ignorieren versuchte, meldete es sich mit einem stechenden Schmerz. Doch so sehr sie sich auch bemühte, konnte sie sich nicht daran erinnern, woher dieses Gefühl der Vertrautheit rührte.

Hatte sie neuerdings etwa Gedächtnisprobleme?

Lin Xiao legte die Hand an die Stirn und rieb sich die Braue.

„Geht es dir nicht gut?", fragte Wang Ruofei und blieb stehen, während sie sie besorgt musterte.

„Vielleicht habe ich im Bus zu lange geschlafen", runzelte Lin Xiao die Stirn. „Mir ist seit vorhin leicht schwindelig."

„Dann kaufen wir schnell ein paar Alltagssachen und gehen direkt ins Wohnheim zurück, damit du dich richtig ausruhen kannst." Wang Ruofei sprach in einem natürlichen Ton, offenbar hatte sie sich längst damit abgefunden, dass sie im Nasida-Park wohnen würden. „Heute ist schließlich der erste Tag, da hat sowieso niemand anderes für uns geplant."

Als sie den Abzweig erreichten, bückte sich Wang Ruofei von sich aus, um das Hinweisschild daneben zu studieren. Bald hatte sie die gewünschte Information gefunden: Auf dem linken Schild stand „Supermarkt, nach 300 m rechts abbiegen".

Lin Xiao folgte ihrem Blick. Das Schild sah ziemlich alt aus, die Oberfläche war von einer Staubschicht bedeckt und schwankte bei jedem Windhauch bedenklich.

Wang Ruofei streckte die Hand aus, um das Schild gerade zu richten, und stieß plötzlich einen leisen Überraschungslaut aus.