Der schneidende Wind und die eisigen Flocken des Nordens peitschten wie Messer ins Gesicht. Xie Sanye stand auf einer Anhöhe, sein Blick verriet tiefe Ungeduld. Neben ihm konnte das goldene Nì bereits nicht mehr an sich halten – aus seiner Kehle kam ein dumpfes Winseln, während seine Krallen tiefe Furchen im Schnee hinterließen. Dieses Biest war zwar nicht so groß wie Tiger oder Leoparden, doch sein hinterhältiges Auftreten machte es zum gefährlichsten Jäger in diesen Wäldern.
„Geh!"
Mit Xie Sanyes Befehl schoss das goldene Nì wie ein grauer Schatten hervor. Chen Mo kämpfte sich mühsam durch den Schnee, als ihm plötzlich ein eisiger Schauer den Nacken hinablief – das untrügliche Gefühl, von einem Spitzenräuber fixiert worden zu sein. Er hatte keine Zeit, sich umzudrehen, denn der beißende Geruch von Blut kam bereits auf ihn zu. Die Bestie war unglaublich schnell und hatte innerhalb eines Augenblicks bereits einen Meter hinter ihm erreicht.
Chen Mo wich nicht aus – stattdessen vollführte er eine unfassbare Bewegung. Sein Oberkörper drehte sich ruckartig, und anstatt zu fliehen, streckte er seinen linken Arm nach hinten aus und steckte ihn direkt in das geöffnete Rachenmaul des Tieres. In dem Moment, als das goldene Nì zubiss, blitzte in Chen Mos Ärmel etwas Kaltes, Metallisches auf – eine scharfe Klinge, die mit aller Kraft in den weichen Bauch des Raubtieres gestoßen wurde.
Mensch und Tier rollten gemeinsam den schneebedeckten Berggraben hinunter. Scharlachrotes Blut breitete sich rasch auf der makellos weißen Schneedecke aus. Xie Sanye betrachtete die Blutlache und verzog die Lippen zu einem kühlen Lächeln. Gerade wollte er sich abwenden und gehen, als er sah, dass das goldene Nì noch einige Male im Schnee zuckte und dann reglos liegen blieb.
Sein Herz setzte einen Schlag aus. Er eilte näher und erkannte, dass das warme Blut einzig und allein aus dem Körper des goldenen Nì strömte. Bevor er reagieren konnte, explodierte der Schnee. Wie ein aufspringender Schneeleopard erhob sich Chen Mo, und das dreikantige Stilett in seiner Hand – schwarzer Griff und weiße Klinge – pfiff mit ohrenbetäubendem Heulen direkt auf Xie Sanyes Fußknöchel zu.
„Militärische Kampftechnik?"
Xie Sanye zuckte zusammen und reagierte augenblicklich. Er stemmte sich auf einen Fuß, sein Körper drehte sich wie ein Kreisel, wodurch er nicht nur den tödlichen Hieb auswich, sondern auch mit dem linken Fuß einen Tritt gegen Chen Mos Handgelenk setzte. Klatsch! Chen Mo vor Schmerz aufheulend, ließ die Klinge los. Unmittelbar darauf schwang Xie Sanye sein langes Bein wie eine Peitsche und traf den Jungen schwer in die Brust.
„Huh!"
Chen Mo stieß einen erstickten Schmerzenslaut aus, flog durch die Luft, und sämtliche Eingeweide schienen verrutscht zu sein. Blut quoll ihm sofort aus der Nase. Das goldene Nì lag daneben, Brust und Bauch vom Stich durchbohrt – längst tot.
Xie Sanye warf einen Blick auf seine zerrissene Wattenhose und dann auf den Jungen, der im Schnee kniete, aber dennoch unablässig ihn anstarrte. Unwillkürlich stieg ein kalter Schauer in ihm auf. Dieser Bursche war höchstens sechzehn oder siebzehn Jahre alt, doch seine Berechnung reichte so tief, seine Grausamkeit war so entschlossen. Hätte er in diesem Moment erfolgreich zugeschlagen, hätte er unweigerlich Xie Sanyes Achillessehne durchtrennt.
„Gut, mein Junge. Du verbirgst Geschicklichkeit hinter Einfalt und hegst solche Hintergedanken. Ich habe dich unterschätzt."