2. Das gelbe Buch, die verborgene Schrift – Teil 2
Chen Mo beugte sich hastig vor, um nachzusehen, und erblickte tatsächlich am Straßenrand verstreut einige Büschel verdorrten Grases. Sun Guhong war der Länge nach auf sein Gesicht gestürzt, rappelte sich sogleich mit staubbedecktem Gesicht wieder auf, klopfte sich den Schmutz von der Kleidung und winkte ihm dabei zu, um zu signalisieren, dass ihm nichts fehle. Draußen vor dem Fenster herrschte eine bittere Kälte, und zwischen Himmel und Erde hatten sich unbemerkt erste winzige Eiskristalle niedergelassen. Gerade als Chen Mo aufatmen wollte, humpelte Sun Guhong bereits in die danebenliegende Einöde, wo er im Handumdrehen in der Weite des Schnees verschwand.
„Der Kerl ist ja wirklich einzigartig.“
Er wandte sich um, hob das alte Buch vom Boden auf, und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Vermutlich hatte er zuvor beiläufig nach dem Buch gefragt, wodurch Sun Guhong irrtümlicherweise angenommen hatte, er könne es nicht aus der Hand legen. Tatsächlich handelte es sich um ein antikes Buch; der Einband war fleckig und abgenutzt, die Seiten waren längst vergilbt und brüchig, und sie waren dicht mit kleiner Regelschrift bedeckt – auf den ersten Blick erkennbar schon etwas älter. Es war ausgerechnet ein buddhistischer Sutra. Chen Mo warf einen flüchtigen Blick darauf und erkannte sofort die Besonderheit: Es schien sich um eine Abschrift des „Herz-Sutras“ zu handeln. Doch er brachte diesem Zeug kein Interesse entgegen, betrachtete es nur kurz und legte es dann beiseite. Die rückwärts gleitende Landschaft draußen erstarrte allmählich, doch kurz darauf, begleitet von einem langen Pfiff des Zuges, setzte er sich wieder in Bewegung, und die Szenerie begann erneut zu fließen. Chen Mo saß auf der Bettkante, lehnte sich gegen das Kissen und nickte immer wieder ein. Unmerklich verging die Zeit, und das Bild draußen wandelte sich von düsterem Gelbbraun zu einer weiten, weißen Fläche. Es schneite dicke Flocken. Eine beißende Kälte drang ein; Chen Mo kramte seinen schweren Militärmantel aus dem Gepäck, warf ihn über, zog den Schal fester und legte sich erst dann wieder hin.
„Hm?“
Doch in diesem Moment entfuhr ihm ein leises Staunen. Sein Blick fiel zurück auf das gelbe Buch auf dem Tisch. Vermutlich war es, als Sun Guhong es hereinwarf, gegen etwas geprallt; die Ecke des alten Einbands hatte sich leicht aufgebogen. Chen Mo zog die Augenbrauen hoch, als ahne er etwas Ungewöhnliches, und beugte sich näher heran, um es genauer zu betrachten. In diesem Buch schien... etwas eingesteckt zu sein. Er holte tief Luft, hob den aufgebogenen Teil des Einbands vorsichtig an und entdeckte darunter tatsächlich ein verstecktes Fach, in das ein handflächengroßes Stück Brokatseide gesteckt war. Als er dieses Seidenblatt behutsam glattstrich, verengten sich Chen Mos Pupillen schlagartig, um sich dann langsam wieder zu weiten. Sein Blick verharrte auf den ersten winzigen Schriftzeichen, die ihm ins Auge fielen. Sie lauteten...
„Die Zwölf Schichten der Eisernen Mauer.“