3. Schneegestöber am Himmel, Kälte in den Knochen
Die kalte Zugluft am Übergang zwischen den Waggons drang durch die Ritzen der Tür und ließ den Nacken frösteln. Chen Mo kauerte in der Ecke, das fahle Licht der Wagenlampe nutzend, und umklammerte fest die Rolle aus Brokat, deren Herkunft ihm ein Rätsel war. Der jähe Freudenausbruch von eben war verflogen, gewichen war ein Stirnrunzeln voller Fragezeichen.
„Zwölffache Eisenwand-Kunst? Was für ein verdammter Unsinn steht da eigentlich?"
Er starrte auf die Schriftzüge. Jedes einzelne Zeichen ließ sich entziffern und erkennen, doch zu Sätzen verbunden ergaben sie so viel Sinn wie ein Buch mit sieben Siegeln. Auf dem Brokat waren zwölf äußerst fein gezeichnete Abbildungen des menschlichen Körpers zu sehen, dicht beschriftet mit Hinweisen auf Sehnen, Knochen, Meridiane und den Verlauf der Muskulatur. Das Ganze wirkte wunderwirkend, war aber völlig rätselhaft. Chen Mo gab nicht nach, drehte das Stück um und ließ seinen Blick auf einem handgeschriebenen Text auf der Rückseite ruhen.
„Tiger brüllen in Bergen und Wäldern, durch Nahrung die Stärke mehren."
Das sah weniger nach Kampfkunst aus, eher nach einem Kochbuch. Nur war dieses Kochbuch überaus seltsam; die aufgelisteten Zutaten waren kurios: Polygonatum, Knöterichwurzel, Lingzhi-Pilz, wilder Ginseng, Tigerknochen, Bärengalle ... gut vierzig, fünfzig Arten. Manche Dinge hatte er nicht nur in diesem Leben nicht gesehen, sondern davon nur in Legenden gehört. Diese Zutaten waren nach den fünf Elementen Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde zu Rezepten zusammengestellt. Ganz unten fand sich ein Text, der wie eine Art Zusammenfassung wirkte: „Ein Menschenleben währt so lang wie das Gras im Herbst; Werden und Vergehen folgen dem Lauf des Schicksals. Das Alter verglichen mit der Jugend bedeutet Nachlassen des Qi und Erschöpfung der Kraft, sodass der Körper die Zeichen des Verfalls zeigt. Meine Methode stärkt das Qi der fünf Organe durch Nahrung. Ist das Qi erfüllt, so sind Essenz und Blut reichlich. Sind Essenz und Blut reichlich, werden Sehnen stark und Knochen fest. Unterstützt durch die Methode des Qi-Verschlingens wird das Fundament der fünf Elemente geschmiedet. Wer Tiger isst, wird zum Tiger; wer Drache trinkt, wird zum Drache – das Qi verschlingt die Welt."
„Das wirkt irgendwie unheimlich", dachte Chen Mo.
Je länger er las, desto mehr staunte er. Zwar war die sogenannte Methode des Qi-Verschlingens nicht darin verzeichnet, doch die Lehre von der Nahrungsstärkung war leicht verständlich. Bis sein Blick auf vier unscheinbare kleine Zeichen am Ende fiel – „Hinterlassen von einem Nachfahren der Chen".
„Heißt das, dieser Gegenstand wurde von jemandem mit dem Nachnamen Chen hinterlassen?"
Während sein Herz höher schlug, erklang plötzlich draußen der Ruf des Zugbegleiters mit starkem nordostchinesischen Akzent: „Wir sind bald in der Eisstadt! Passt auf, dass ihr euren Bahnhof nicht verpasst!"
Zeit auszusteigen. Chen Mo sammelte seine Gedanken, kam sofort zur Besinnung und verstauten nach kurzem Überlegen das Brokatbuch sicher an seinem Körper. Diesen Kram würde er später in Ruhe studieren; das darin Beschriebene war zu seltsam, um es sofort zu durchschauen. Als der Zug langsam hielt, packte Chen Mo das gelbe Buch zusammen mit den zwei Enten in seine Umhängetasche, nahm sein Gepäck und verließ den Waggon, sich mit der reißenden Menschenmenge in den weißen Schnee drängend.
Draußen vor dem Bahnhof. Ein verblichener roter Querbanner flatterte im kalten Wind, die Aufschrift war bereits unkenntlich. Der Schnee fiel dicht und schwer, doch konnte er den Geruch von Essen und Heizung nicht verdecken. Dass man heute in China auf die Nordostprovinzen schaute, war nicht nur leeres Gerede. Auf der Straße schien gerade Schichtende zu sein; viele Arbeiter in blauen Uniformen fuhren auf Fahrrädern, lange Taschen am Gepäckträger, klingelnd und läutend, ritten sie gegen Wind und Wetter. Der kalte Wind wehte, und immer wieder wehte der Duft von Speisen aus den Türen der staatlichen Restaurants herüber.
Chen Mo war nur wenige Schritte gegangen, da bildete sich sein Atem zu weißem Dunst, und an seinen Wimpern setzte sich eine Schicht Reif an. Die Kälte von allen Seiten drang mit dem Nordwind direkt in den Kragen, dass er unwillkürlich zusammenzuckte. Es war kalt, wirklich kalt. Noch bevor er den Mund öffnete, lief ihm schon die Nase. Auch die anderen jungen Leute, die zur Umschulung aufs Land fuhren, zogen die Köpfe ein; wer es wagte, den Mund zu öffnen, bekam sofort eine Lunge voll kalte Luft. Chen Mo war groß und kräftig, er hielt es noch aus, aber einige junge Frauen neben ihm, die ihr Gepäck trugen, wurden von einer Windböe erfasst und kippten wie von einem Schlag getroffen schräg zur Seite, was die Umstehenden zum Lachen brachte.
Chen Mo aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er holte eine Maske aus der Tasche, wickelte den Schal fester, zog die Mütze tiefer und verhüllte sich so gründlich, dass nur die Augen herausschauten. Das war die Erfahrung eines Mannes, der schon vieles gesehen hatte. Tatsächlich war Chen Mo nicht zum ersten Mal im Nordosten; als sein Vater früher seine Kriegskameraden besuchte, hatte er ihn ein paar Mal mitgenommen. Diese Onkel waren damals gekommen, um die „Große Wildnis des Nordens" zu erschließen, und hatten sich hier niedergelassen, Familien gegründet und Wurzeln geschlagen. Sonst hätten die Leute zu Hause ihn kaum allein so weit weg auf das Land ziehen lassen. Der Ort war zwar abgelegen, aber Chen Mo konnte die Onkel immerhin beim Namen rufen; es würde ihm schon nicht an allem fehlen.
Er blickte zu den jungen Leuten. Als sie aufgebrochen waren, waren es vier- bis fünfhundert; auf dem Weg waren viele ausgestiegen, jetzt waren es nur noch wenige Dutzend. Kaum waren sie aus dem Bahnhof getreten, sahen sie zwei Jiefang-Lastwagen, auf denen jemand winkte und rief: „Hierher, alle herkommen!"
Die Gruppe stürmte los. Als sie näher kamen, sahen sie, dass die Lastwagen voll mit Holz geladen waren; der Platz war begrenzt. Die Leute mussten im eisigen Wind auf den Baumstämmen sitzen, zitterten vor Kälte, bissen aber die Zähne zusammen. Dann wurden die fünfzig jungen Leute je nach Zielort in zwei Gruppen geteilt. Die Studenten kamen kaum dazu, sich von ihren Gefährten zu verabschieden, da trennten sich schon ihre Wege, und unter Schluchzen winkten sie einander zum Abschied.
Chen Mo saß abseits; er empfand es nicht als Härte. Das echte Leid hatten schon andere für sie ertragen; was war schon ein Schneesturm im Vergleich dazu? Doch nach dem hastigen Abschied blieben nur Unklarheit und Hilflosigkeit. Als sie die weiße Weite sahen, die allmählich kleiner werdende Stadt und die endlosen Wälder und Hügel, die sie passierten, schienen alle in eine ungewisse Zukunft zu blicken.
Im heulenden Schneesturm warf plötzlich jemand den Kopf zurück und brüllte mit voller Kehle: „Einheit ist Stärke! Zum Mitsingen – anfangen!"
„Einheit ist Stärke, diese Kraft ist Eisen, diese Kraft ist Stahl ..."
Die jungen Leute, die eben noch still und niedergeschlagen waren, hoben die Köpfe, strafften die Brust, holten tief Luft und sangen. Chen Mo stimmte ein, denn der, der den Ruf angestimmt hatte, war er. Es hatte nichts weiter zu bedeuten; nach der Meinung seines Vaters war jetzt der Moment, den Mut zu stärken und den Geist zu heben.
„Hm?"
Chen Mo blickte plötzlich auf eine junge Frau in der Gruppe. Sie trug eine dicke Fellmütze mit Ohrenklappen, ihr Gesicht war schwarz rußgeschwärzt, die Nase lief, und auf den Wangen klebte ein Kranz von Ruß, als hätte sie den Boden eines Topfs abgeleckt. In der einen Hand hielt sie ein halbes gebratenes Maiskolben, in der anderen einen gebratenen Süßkartoffel, beide noch warm – woher auch immer sie die hatte. Sie sang eben noch mit, doch als sie Chen Mos