Kaum war die Tagundnachtgleiche vorüber, wurde die Sonne von Tag zu Tag wärmer. Im Reich der Südlichen Liang schwollen die Frühlingsgewässer an, und die Vegetation üppigte. Gewöhnliche Leute liebten es, Blumen und Gräser zu pflegen; zwischen Zäunen und Hofmauern sah man überall wildes Orchideengras, mal dicht, mal licht, und große Büsche von Pfingstrosen blüten in wilder Pracht, Rot und Violett überlappen sich wie ein ausgebreitetes Stickereibild. Gegen Mittag, die Sonne stand hoch, raste eine Kutsche den Bergweg durch das Waldgebüsch entlang. Im Wageninnern hob ein Dienstmädchen in einer smaragdgrünen ärmellosen Jacke den Wundervorhang und streckte den Kopf hinaus, um den Kutscher zu fragen: „Onkel Zhang, wie weit ist es noch bis zum Kreis Qinghe?“ Der Kutscher antwortete herzlich: „Nicht mehr weit! Noch einen Bergrücken über, höchstens eine halbe Stunde, dann sind wir da!“ Qingluan ließ den Vorhang erst fallen und wandte sich dann ihrer Herrin zu. Es war ein junges Mädchen, etwa sechzehn oder siebzehn Jahre alt, mit malerischen Gesichtszügen und schneeweißer Haut, was ihre tiefschwarzen Augen noch leuchten ließ. Obwohl sie nur einen halb abgenutzten, indigoblauen Rock mit einem Muster aus sich rankendem Lotus trug, war ihre Ausstrahlung kühl und überweltlich. Als sie die Worte des Kutschers hörte, zitterten ihre Wimpern leicht, und in ihren Augen schien es für einen Moment zu flackern. Qingluan seufzte innerlich. Seit über einem halben Jahr, das sie Lu Li folgte, hatte sie ihre junge Herrin selten Emotionen zeigen sehen; ihre Miene war stets gleichmütig. Als ob alles Irdische in ihren Augen nur vorüberziehende Wolken wären. Erst als sie dem Kreis Qinghe näher kamen, sah sie in Lu Lis Augen etwas Leben, wie eine Jadestatue, die langsam menschliche Züge annimmt, mit den gewöhnlichen Freuden und Sorgen der Menschen. Es schien, dass selbst ein Mensch, der sonst so gleichgültig ist, beim Betreten des Weges in die Heimat doch erregt wurde. In der Kutsche saß Lu Li regungslos. Der Bergweg war holprig, der Wagenkasten schaukelte, und der Korb mit Loquat-Früchten, den Qingluan trug, kippte um, sodass die Früchte auf den Boden rollten. Sie senkte den Blick auf die Früchte zu ihren Füßen, und ihre Gedanken schweiften ab. Vor sieben Jahren war sie ebenfalls mit einer Kutsche aus dem Kreis Qinghe fortgefahren; damals hatte sie nur beklagt, dass das Pferd zu schnell war, und im Nu war sie an einem fremden Ort ohne Freunde und Verwandte angekommen. Nun schien der Weg zurück in die Heimat unendlich lang, als würde er nie enden. Sie hatte sieben Jahre lang mit Tante Yun auf dem Berg gelebt. Erst als Tante Yun verstorben war und sie sie bestattet hatte, erlangte sie ihre Freiheit und konnte in ihre Heimat zurückkehren. In diesen sieben Jahren hatte sie ihrem Vater auch Briefe geschrieben, doch sie wusste nicht, ob sie je ankamen. Damals war sie in Eile aufgebrochen, und vielleicht dachten die Familie, sie sei längst nicht mehr unter den Lebenden... Lu Li war gerade in Gedanken versunken, als unmerklich die Sonne nach Westen wanderte. Die Kutsche hielt sanft am Stadttor, und die Stimme des Kutschers drang von draußen herein: „Fräulein, der Kreis Qinghe ist erreicht!“ Der Kreis Qinghe war erreicht. Qingluan half Lu Li aus der Kutsche, bezahlte den Fahrpreis und begleitete sie in die Stadt hinein. Lu Li blickte auf und war für einen Moment wie benommen. Es war die Mitte des Frühlings, auf den Straßen herrschte reger Verkehr. An den Straßenseiten waren viele neue Teehäuser hinzugekommen, die unter Vordächern groben Tee verkauften, auf den Tischen lagen Datteln und Kuchen. Es gab auch Wahrsager, die ihre Stände aufgeschlagen hatten. Am Flussufer der Stadt waren mehrere Wasserhäuser errichtet worden, hängende Weiden spiegelten sich im Wasser und färbten den Fluss smaragdgrün und durchsichtig. Soweit das Auge reichte, wogte die Menschenmenge, es war laut und lebhaft. In Qingluans Augen lag ein Hauch von Freude: „Fräulein, der Kreis Qinghe ist so lebhaft!“ Lu Li jedoch schien wie erstarrt. Als sie damals von zu Hause fortging, wütete die Pest, und es war tiefer Winter; die ganze Stadt war wie tot, eine Szenerie der Trostlosigkeit. Nun, bei ihrer Rückkehr, war dieses kleine Kreisstädtchen viel wohlhabender als früher, voller Reisender, was in ihr eine unbestimmte, namenlose Unruhe hervorrief. Nach einer Pause sagte sie: „Gehen wir.“ Die Straßen des Kreises Qinghe waren deutlich verbreitert; früher waren es unbefestigte Wege, die zur Zeit der Pflaumenregen unpassierbar wurden, nun waren sie komplett mit blaugrauen Steinplatten gepflastert, und die Wagenräder rollten viel ruhiger. Die Reis- und Tuchläden, die früher an den Straßenseiten gestanden hatten, waren längst verschwunden, ersetzt durch fremde Gasthäuser und Teehäuser, was in starkem Kontrast zum Straßenzug in ihrer Erinnerung stand. Lu Li schritt langsam voran, geleitet von ihren Erinnerungen, und konnte hin und wieder noch alte Spuren entdecken. Wie etwa den alten Brunnen am Eingang des Dongyue-Tempels oder die bronzerne Pixie-Figur vor dem Altar in der Stadtmitte. Sie durchquerten eine abgelegene, tiefe Gasse, und als sie noch etwa hundert Schritte weitergingen, blieb Lu Li plötzlich wie angewurzelt stehen. Qingluan folgte ihrem Blick und rief unwillkürlich aus: „Fräulein...“ Vor ihnen lag ein Trümmerfeld. Die Erdwand neben dem Tor war von Flammen schwarz verrußt, die Gebäude waren nicht mehr zu erkennen, nur noch einige verkohlte Holzbalken blieben übrig, die kaum noch den Umriss eines Türrahmens erkennen ließen. Wenn man näher trat, schien man noch den beißenden Geruch von Rauch wahrnehmen zu können. Qingluan blickte ängstlich zu Lu Li; Lu Li war hier stehengeblieben. Hier musste ihr Zuhause sein. Doch hier war nur eine Ruine nach einem Brand... Wo waren die Bewohner des Hauses? Lu Li starrte starr auf den verkohlten Türrahmen, ihr Gesicht war kreidebleich, und sie fühlte, als wären ihre Beine mit Blei gefüllt, zu schwer, um einen Schritt zu tun. In diesem Moment erklang hinter ihnen eine Stimme: „Wer seid ihr? Was steht ihr dort?“ Die beiden drehten sich um und sahen nicht weit entfernt eine alte Frau stehen, die einen Tragkorb mit Wolkenscheiben-Kuchen auf der Schulter trug und sie misstrauisch musterte. Qingluan war pfiffig; sofort setzte sie ein Lächeln auf, ging auf die Frau zu, zog ein paar Münzen heraus, um von ihrem Korb Wolkenscheiben-Kuchen zu kaufen, und fragte beiläufig: „Muhme, meine Herrin ist eine entfernte Verwandte der Familie Lu hier. Wir kommen auf der Durchreise und wollten uns eigens hier einfinden. Wie kommt es... hat hier ein Brand gewütet? Weiß man, wohin die Familie gezogen ist?“ Die alte Kuchenverkäuferin hörte, dass Qingluan die „Familie Lu“ nannte, und nahm das Geld an; ihr Gesichtsausdruck wurde etwas milder. Sie sagte nur: „Ihr wollt euch der Familie Lu anschließen?“ Sie warf einen Blick auf Lu Li hinter Qingluan und schüttelte den Kopf: „Sagt eurer Herrin, sie soll lieber gleich umkehren. Hier gibt es niemanden mehr.“ „Niemanden mehr?“ Qingluan warf einen Blick auf Lu Li hinter sich und fragte lächelnd: „Was meint ihr damit?“ Die alte Frau seufzte: „Wisst ihr das nicht? Die gesamte Familie Lu ist schon vor einem Jahr ausgelöscht.“